450 Jahre Müll

Für die Industrie ist Plastik wie eine eierlegende Wollmilchsau: wegen seiner vielseitigen Verwendbarkeit ist das Material allgegenwärtig. Kunststoff ist unter anderem so erfolgreich, weil er sehr beständig gegen Witterung oder Bakterien ist. Nachdem Plastik weggeworfen wurde, verkehren sich diese charakteristischen Eigenschaften jedoch zum Umweltproblem. Die meisten Plastikarten sind nicht biologisch abbaubar und zerfallen nur sehr langsam unter dem Einfluss von UV-Strahlen oder weil sie im Laufe der Zeit zerrieben werden. Eine Shampooflasche kann denjenigen, der sich mit ihrem Inhalt die Haare gewaschen hat, weit überdauern: Bis sie sich zersetzt hat vergehen bis zu 450 Jahre.

Japanische Forscher fanden heraus, dass dieser Zerfall im Meer deutlich schneller vonstatten gehen kann – schon innerhalb eines Jahres kann sich auf See ein großes Stück Kunststoff in viele kleine Stückchen teilen. Dass sich verwitterndes Plastik aufspaltet macht es auf den Ozeanen zu einem noch größeren Problem: Seevögel, Fische, Muscheln, Krustentiere und andere Lebewesen verwechseln Kunststoffstücke mit Nahrung und fressen sie. Zwar haben Forscher von der University of Sheffield Mikroben entdeckt, die gezielt Plastik besiedeln und möglicherweise verwerten. Für die meisten Organismen ist das Material aber unverdaulich. Sie drohen zu verhungern oder zu verdursten obwohl und gerade weil ihr Magen gefüllt ist – mit nährwertlosem Kunststoff.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) schätzt, dass jährlich eine Million Seevögel an den Folgen einer Plastikmahlzeit verenden. Dass Kunststoff sehr oft auf den Speiseplan der gefiederten Meeresanwohner gerät, zeigt auch die Tatsache, dass neun von zehn Küken der Laysan-Albatrosse Plastik im Magen haben. Das gefressene Plastik kann die Vögel außerdem von Wanderung und Fortpflanzung abhalten und innere Organe verletzen. Gleiches gilt für andere Meerestiere, denen Kunststoffe weitere Todesfallen stellen: Fische sterben in Knäueln aus Plastiktüten, in Plastiknetzen und Angelleinen verheddern sich Tiere, Meeresschildkröten bekommen durch Kunststoff im Bauch zu viel Auftrieb und können nicht mehr nach Nahrung tauchen. Allein im Nordpazifik sterben jährlich etwa 100.000 Meeressäuger am Plastikmüll.

 

Die neue Insel - The Great Pacific Garbage Patch

Innerhalb der vergangenen Jahrzehnte entstanden auf den Ozeanen gigantische Müllballungen, Forscher kennen insgesamt fünf solcher Felder. Sie wuchsen lange unbemerkt, weil sie in Regionen der Weltmeere entstanden sind, die nur selten befahren werden. Die bekannteste und größte marine Abfallzone ist der nordpazifische Müllteppich („Great Pacific Garbage Patch“), der erstmals 1997 vom Segler und Chemiker Charles Moore beschrieben wurde. Die „weltgrößte Müllhalde“ soll mindestens die Ausmaße Mitteleuropas haben.

Wie viel Unrat im Areal zwischen den USA und Hawaii dümpelt lässt sich nur erahnen, weil ein Großteil der Abfälle metertief unter der Meeresoberfläche schwimmt und dort unsichtbar für Satelliten ist. Einen Anhaltspunkt zur Dichte der Müllpartikel gibt die Algalita Stiftung für Meeresforschung. Sie hat gemessen, dass im zentralen nordpazifischen Müllstrudel die Menge der Plastikteilchen die des Oberflächen-Zooplanktons sechsfach überwiegt.

Abgesehen davon sind die Meere ohnehin längst voll von Plastik. Als Kapitän Charles J. Moore 1997 von einer Segelregatta von Hawaii zurückfuhr und zur Abwechslung den Weg über die ansonsten wegen häufiger Windstille wenig befahrenen Rossbreiten nahm, pflügte sein Schiff plötzlich durch Unerwartetes: Das Meer war, soweit das Auge reichte, übersät von Plastikteilchen in verschiedenster Form und Größe. Er hatte den Great Pacific Garbage Patch entdeckt.
 

Bereits 1988 war diese schwimmende Müllhalde von einem Ozeanografen vorausgesagt worden. Aufgrund von gewissen Meeresströmungen gibt es in den Weltmeeren fünf Regionen wo sich Treibgut sammelt und wo es bleibt, solange es nicht sinkt oder vollkommen aufgerieben und zerwaschen ist. Bei Kunststoff dauert das Jahrhunderte und auch dann ist er nicht einfach verschwunden, sondern bleibt der Welt in Molekülform auf alle Ewigkeit erhalten. Mit einer Fläche, die inzwischen schätzungsweise jene von Europa erreicht, ist der schwimmende Müllkontinent im Nord-Pazifik der größte. Da Kunststoff je nach Beschaffenheit nach gewisser Zeit zu sinken beginnt, betrifft dies nicht nur die Oberfläche, sondern alle Meeresschichten bis zum Grund.


Neben dem weit sichtbaren Müll beinhaltet das Wasser auch kleinste Plastikteilchen, die leicht von Fischen und Meeresvögeln geschluckt werden und so die Tiere langsam vergiften und die Populationen dezimieren. Beispielsweise haben Untersuchungen zufolge 95 Prozent der Eissturmvögel in Nordeuropa Plastikteile im Magen. Weltweit stirbt jährlich circa eine Million Meeresvögel an den Folgen des verschluckten Kunststoffs. Fische in allen Größenordnungen bekommen unsere Kulturabfälle in ihr Verdauungssystem. Sie rächen sich an der Menschheit, in dem sie auf unserem Teller landen und uns Stoffe zurückgeben, die unter dem Verdacht stehen, erbgutschädigend zu sein, und möglicherweise Unfruchtbarkeit oder Krebserkrankungen verursachen oder begünstigen können.
 

Das Wasser im Norpazifik beinhaltet inzwischen sechs bis sechzig Mal mehr (die Zahlenangaben schwanken auf hohem Niveau) von diesem feinen Müll, als es dort Plankton gibt. Das vormals hier bestehende Ökosystem ist zerstört, an seiner Stelle entwickelt sich eine maritime Wüste. Den Schaden gut zu machen ist nahezu unmöglich, da die feinen Plastikpartikel kaum aus dem Meer zu fischen sind, ohne die Gewässer gleichzeitig von jeglichen Lebewesen leer zu räumen. Was Menschen tun können: dafür sorgen, dass kein neuer Müll ins Meer gelangt.

 

Plastik findet sich in den Ozeanen nicht nur in den Müllstrudeln, wo es von Strömungen und Winden zusammengetragen wurde. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) geht davon aus, dass mehr als 100 Millionen Tonnen Kunststoffabfall in den Weltmeeren schwimmt. Was auf und in den Meeren treibt ist uns vertraut: Plastiktüten und -flaschen, Einwegrasierer, CD-Hüllen – tonnenweise Zivilisationsmüll gelangt täglich in die See.

Längst sind Kunststoffe die in den Ozeanen am schnellsten wachsende Abfallart. Zumeist gelangen sie ins Wasser, weil Plastik in Flüsse gerät: Entweder wird es von ungeschützten Müllkippen geweht und gespült oder direkt hineingeworfen. Etwa 20 Prozent der Verschmutzung rührt von Aktivitäten auf dem Meer: Beispielsweise verlieren Schiffe bei Sturm immer wieder Frachtcontainer, hunderte von ihnen gehen jährlich über Bord. Unter anderem sollen so Millionen neuer Plastiktüten ins Wasser gelangen.

Nicht nur an den Stränden werden Plastikteilchen zurück ins Umfeld der Menschen gespült. Auch über die Nahrungskette landet ein Teil des Mülls wieder bei uns. Charles Moore, der dafür sorgte, dass die bedrohliche Vermüllung der Ozeane bekannter wird, sieht das Problem längst auf unseren Tellern und bezweifelt, dass die Natur noch einen giftfreien Fisch produzieren kann.

Das zerfallende Plastik entfaltet im Wasser eine weitere tückische Eigenschaft: Kunststoffpartikel wirken wie Magnete auf wasserunlösliche Umweltgifte wie Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT), polychlorierte Biphenyle (PCBs) und manche Nonylphenol-Substanzen, die an ihnen haften bleiben. Die Konzentration dieser Gifte an den durch die Ozeane treibenden Plastikteilchen kann extrem hoch sein. So fanden Forscher schon Stückchen, an denen eine Million Mal mehr Gifte klebten als im sie umgebenden Wasser nachweisbar waren. Mit den Teilchen werden auch die toxischen Substanzen gefressen, lagern sich im Gewebe ein und reichern sich über die Nahrungskette hinweg in Lebewesen an bis hin zum Menschen.

Gifte wie DDT oder PCB haben eine schädliche Wirkung auf Organismen gemeinsam: Als sogenannte Umwelthormone können sie Hormonhaushalte gewaltig durcheinander wirbeln: Sie ähneln natürlichem Östrogen so stark, dass sie an seinen Rezeptoren andocken und sie blockieren können. Auch das Plastik selbst setzt bedenkliche Stoffe ins Meerwasser frei. Dazu gehört Bisphenol A, das ebenfalls zu den Umwelthormonen zählt und darüber hinaus verdächtigt wird, erbgutschädigend zu wirken. Es ist noch nicht hinlänglich erforscht und ausgewertet, wie weit der Einfluss von Umwelthormonen reicht. Allerdings wird vermutet, dass sie hinter einer Reihe von Beobachtungen stecken, wie einer geringeren Spermienzahl und dem steigenden Anteil weiblicher gegenüber männlicher Nachkommen bei verschiedenen und insbesondere am oder vom Meer lebenden Spezies bis hin zum Menschen („Verweiblichung“). Auch die in den vergangenen Jahrzehnten häufiger gewordenen Brust- und Hodenkrebserkrankungen werden mit Umwelthormonen in Verbindung gebracht.

 

 


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